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Andreas Ebner. Fußballstatistiker aus Leidenschaft.

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Andreas Ebner aus Leimen ist Leiter des süddeutschen Fußballarchivs, einem Kreis von Fußballfans, der sich vereins- und verbandsübergreifend mit der Aufarbeitung der Fußballgeschichte in Süddeutschland beschäftigt. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt dabei auf den Fußball vor 1945. Rund 5000 Bücher, Festschriften und Fachzeitschriften umfasst das Archiv.     

oben: Ebner bei KFV-Legende Ahl.

In seinem gegenwärtigen Projekt befasst sich Ebner mit der "Gauliga Baden". Die „Gauliga Baden“ war eine von 16 „Fußball-Gauligen“, die nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 als oberste Spielklassen im damaligen Deutschen Reich eingeführt wurden. Der Gauligameister (bzw. ab 1939/40 Bereichsmeister) wurde in der Gauliga Baden bis 1944 ausgespielt. „Gau“ war die Bezeichnung für eine landschaftlich geschlossene und von natürlichen Grenzen bestimmte politische Siedlungsgemeinschaft der Germanen. Das Wort diente als allgemeine Bezeichnung von Regionen als Landschaft oder Verwaltungseinheit und ist heute durch die Zeit des Nationalsozialismus diskreditiert.

 

Andreas Ebner im Gespräch:

Herr Ebner, Sie arbeiten an einem umfassenden Buch über die "Gauliga" Baden, wie kamen Sie zu der Idee zu diesem Projekt?

Angefangen hat alles Mitte der 80-er Jahre. Damals begann ich mit dem Sammeln von Festschriften, und zwar ausschließlich von Vereinen aus meiner Umgebung. Das Ganze war noch recht unsystematisch. Immer dann, wenn ich in der Zeitung davon las, daß ein (Fußball-)Verein Jubiläum hat, habe ich mir ein Exemplar der Festschrift besorgt. Im Laufe der Zeit hat sich das dann auf alle neun Fußballkreise des Badischen Fußballverbandes erstreckt. Allerdings war in keiner der Festschriften jene Systematik zu erkennen, die wünschenswert gewesen wäre. Literatur zur Fußballhistorie gab es damals auch noch nicht, erst Hardy Grüne hat mit seinem inzwischen zu einem festen Bestandteil der Sportliteratur gehörenden Buch „Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga“ ( 1995 ) eine Bresche geschlagen. Das „Werk“ Ihres inzwischen verstorbenen Ehrenmitgliedes, Ludolf Hyll ( „Süddeutschlands Gußballgeschichte in Tabellenform“ ), kannte ich damals noch nicht. Mitte der neunziger Jahre kam ich dann mit dem DSFS in Berührung und lernte auch Herrn Hyll kennen. Mit diesem habe ich mich regelmäßig ausgetauscht und ich begann damit, selbst Recherchen durchzuführen. Einen Computer hatte ich damals noch keinen, das wurde am Anfang alles noch mittels Schreibmaschine festgehalten. Als dann der Computer Einzug hielt, habe ich diesen mit den Ergebnissen meiner Recherchen „gefüttert“. Parallel hierzu wuchs mein Bestand an Festschriften und Büchern zum Thema „Fußball“ immer mehr, auch an den Recherchen in verschiedenen Archiven und Bibliotheken fand ich großen Gefallen. Nachdem ich Vieles zusammengetragen hatte, kam mir die Idee, selbst etwas zu publizieren, zumal über den badischen Fußballsport kein systematisches Werk existiert, das die Zeit vor 1945 beleuchtet.

Zunächst mußte ich die Überlegung anstellen, in welcher Form dieses Vorhaben am Besten umzusetzen sei. Ich entschied mich dafür, die Gauliga Baden in den Mittelpunkt meiner Betrachtungen zu stellen, zumal es 1933 eine Zäsur nicht nur in der deutschen (Sport-) Geschichte, sondern auch in der Geschichte des badischen Fußballsports gab. Die badischen Vereine spielten nämlich das erste Mal in einer gemeinsamen höchsten Spielklasse. Das hatte es zuvor noch nicht gegeben. Bis 1933 spielten die Vereine aus dem nördlichen Teil Nordbadens mit den Vereinen aus der Pfalz in einer gemeinsamen Spielklasse ( Bezirksliga Rhein bzw. Rhein-Saar ), während die Vereine aus Mittel- und Südbaden in der Bezirksliga Württemberg-Baden zuhause waren.

Übrigens habe ich nicht nur die Gauliga aufgearbeitet, sondern habe zusätzlich noch ein weiteres Kapitel über sämtliche badischen Auswahlspiele zwischen 1933 und 1945 erarbeitet. Das ist dann sozusagen das Sahnehäubchen.

In Ihrer Recherche haben Sie sich auch mit dem KFV befasst. Was sind Ihre Erinnerungen an die Recherche zu KFV-Spielern? Haben Sie ehemalige Spieler getroffen und was sagten andere Spieler/Zeitgenossen über den KFV?

Ich hatte die Gelegenheit, mit dem mittlerweile fast 99-jährigen Franz Ahl, der ja auch Ehrenmitglied Ihres Vereins ist, und seiner Gattin ein mehrstündiges Gespräch zu führen. Dieses war sehr informativ. So bekamen die Spieler – ganz offiziell – als Aufwandsentschädigung für jedes Heimspiel 15 Reichsmark, bei Auswärtsspielen war es die Hälfte. „Rekrutiert“ wurden die Spieler aber schon damals auch aus auswärtigen Vereinen. Es ist also eine Mär, zu glauben, daß in Karlsruher Vereinen nur Spieler aus Karlsruhe oder in Mannheimer Vereinen nur Spieler aus Mannheim am Ball waren. Dabei war die Vorderpfalz ein Quell, der den Vereinen wertvolles Spielermaterial zuführte. Denken wir nur an Franz Immig, Martin Esswein und August Bolz, die alle vom VfR Sondernheim zum KFV fanden. Immig, der bereits 1955 verstarb, machte 1939 zwei Länderspiele für Deutschland und August Bolz bestritt immerhin 8 Auswahlspiele für Baden. Martin Esswein war der Stammtorhüter in der Saison 1938/39, wo er alle 18 Spiele bestritt.

Eine illustre Person, die in der Saison 1933/34 beim KFV gespielt hat, war Fritz Müller, der „Müller´s Spitzer“ oder nur „Spitzer“, wie man ihn in Karlsruhe, ja in ganz (Fußball-)Baden nannte. Der Stürmer, der anschließend zum VfB Mühlburg wechselte, war sehr temperamentvoll und hatte sich oft nicht unter Kontrolle. Das führte dazu, daß man ihn einmal „auf Lebenszeit“ sperrte, worauf er seine Zelte in Karlsruhe abbrach und gen Osten abwanderte. Der Spieler mit den meisten Gauligaeinsätzen beim KFV war Eugen Wünsch, der zwischen 1933 und 1939 81 Spiele bestritt und anschließend ebenfalls zum VfB Mühlburg wechselte.

Mit anderen ehemaligen Gauligaspielern habe ich ebenfalls Gespräche geführt, etwa mit Ludwig Siffling, dem Cousin von Otto Siffling, oder Karl Ramge – beides Waldhöfer. Die Spiele gegen den KFV verliefen immer in fairer Weise, es gab keine Auseinandersetzungen auf oder außerhalb des Spielfeldes.

Sie bilden die Vereine quantitativ, in Form von Einsätzen und Spielen, ab. Gibt es Besonderheiten beim KFV hinsichtlich Ihrer Statistiken?

Zunächst muß betont werden, daß der KFV nicht durchgehend in der Gauliga vertreten war. In der Saison 1937/38 war man zweitklassig, das Gleiche war 1941/42 und 1942/43 der Fall. Bei den üblichen Zusammenstellungen, etwa den Rekordtorschützen oder den Spielern mit den meisten Einsätzen, sind Spieler des KFV deshalb nicht zu finden. Aber auch bei den „Negativstatistiken“ ist dies nicht der Fall, etwa bei den Platzverweisen oder den erzielten Eigentoren. Dennoch gab es eine Statistik, in der der Karlsruher FV das Feld anführt, und zwar bei den Nationalspielern. Immerhin waren es sechs Nationalspieler, die zwischen 1933 und 1944 das Trikot des KFV trugen: Bekir ( Nationalspieler der Türkei ), Damminger, Huber, Immig, Stadler ( Studenten-Nationalspieler ) und Willimowski ( Gastspieler ).

Wie war zu dieser Zeit das „Standing“ der beiden Karlsruher Vereine, Phönix und KFV?

Man kann sagen, dass sich beide Vereine in sportlicher Hinsicht gleichauf gegenüberstanden. Mal war der FC Phönix in der Abschlussplatzierung besser, dann wieder der KFV. Und eine interessante Parallele gab es auch bei den Zuschauern. Bis 1939 hatte der FC Phönix in seinen Heimspielen einen errechneten Zuschauerschnitt von 1610 Zuschauern pro Spiel, der KFV einen solchen von 1600. Das mag, verglichen mit heutigen Zahlen, wenig sein, doch erklärt sich dies dadurch, dass die Maßstäbe damals andere waren und die Stadionkapazität nicht mit der heutigen vergleichbar ist. Spiele mit 30000, 40000, 50000 oder mehr Zuschauern gab es in der badischen Gauliga nicht, wobei auch hier Unterschiede festzustellen sind. Trafen etwa der SV Waldhof und der VfR Mannheim aufeinander, dann gab es – in Friedenszeiten – zumeist zwischen 15000 und 20000 Zuschauer, die ins Stadion strömten, manchmal auch etwas mehr. Bei Spielen der Karlsruher Vereine gegeneinander waren es regelmäßig zwischen 4000 und 8000, niemals aber wurde eine fünfstellige Zuschauerzahl erreicht.

Wer war erfolgreicher, KFV oder Phoenix?

Zunächst muss man sagen, dass der KFV 8 Jahre in der Gauliga spielte, beim FC Phönix, der in der Saison 1943/44 als Kriegsspielgemeinschaft Phönix/Germania auftrat, waren es 10 Jahre. In 7 Spielzeiten waren beide Vereine gemeinsam in der Gauliga vertreten: 1933/34; 1934/35; 1935/36; 1938/39; 1939/40; 1940/41 und 1943/44, es gab also insgesamt 14 Punktspiele in der Gauliga gegeneinander. Dabei hat der FC Phönix knapp die Nase vorn, wie nachstehende Bilanz zeigt:

FC Phönix Karlsruhe     14        6          4          4          25:16   16 – 12

Karlsruher FV                14        4          6          6          16:25   12 – 16

 

Zurück zur Gegenwart: Wie sehen Sie die Perspektive alter Traditionsvereine wie dem KFV in der Zukunft?

Hinsichtlich der sportlichen (Weiter-)Entwicklung stößt man immer dann an Grenzen, wenn es am finanziellen Background fehlt. Zukunft ist aber nicht gleichbedeutend mit dem sportlichen Erfolg oder Misserfolg der 1. Mannschaft eines Vereins. Die Gestaltung der Zukunft – und das ist eine zentrale These – hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, sich als Verein ein eigenes Profil zu geben. Und das bedeutet, daß man Überlegungen anstellen sollte, wie man sich aus der „Masse“ der Fußballvereine abhebt und dadurch den Fokus der (fußball-)interessierten Öffentlichkeit auf sich lenkt. Manche „kleinen“ Vereine haben es geschafft, sich etwa als Ausrichter von Jugendturnieren eine nationale oder gar internationale „Spitzenstellung“ zu verschaffen, wobei ein solches Jugendturnier immer nur kurzzeitig ausgetragen wird und der Fokus immer nur kurzzeitig auf ein solches Turnier gerichtet wird. Man könnte aber einmal überlegen, ob man sich nicht auf andere Weise ins Gespräch bringt. Ein Beispiel: Der DFB ist gerade dabei, in Dortmund ein „richtiges“ Fußballmuseum auf die Beine zu stellen. Warum ist dies in Baden nicht möglich ? Und: warum nicht unter „Federführung“ des Karlsruher FV ? Das wäre vielleicht auch eine Möglichkeit, sich eine solide finanzielle Einnahmequelle zu erschließen.