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Hardy Grüne

 

Hardy Grüne, Jahrgang 1962, geboren in Dortmund und seit 1975 in Göttingen, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit deutscher und internationaler Fußballgeschichte. Herausgeber diverser Bücher (u. a. „Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga“ und „Enzyklopädie der europäischen Fußballvereine“) und leidenserprobter, nichtsdestotrotz aber unerschütterlicher Fan des oftmaligen 96-Gegners Göttingen 05. Sieht Fußballgeschichte weniger als Sportgeschichte, sondern viel mehr als „ziemlich faszinierenden Teil der Sozial- und Kulturgeschichte“. Grüne ist einer der bekanntesten Publizisten auf dem Gebiet der Fußballgeschichte.

 

Herr Grüne, Sie haben so ausführlich wie kein anderer Publizist die Frühgeschichte des deutschen Fußballs unter die Lupe genommen. Wobei denken Sie, wenn Sie den Namen „KFV“, bzw. „Karlsruher FV“ hören?

Zunächst an einen der einflussreichsten Vereine in der Frühgeschichte des Fußballs in Deutschland, dann an Spieler wie Hirsch, Breunig, Fuchs und Förderer, die zu den besten Akteuren ihrer Generation gehörten. Damit war der Klub ja so etwas wie der „FC Bayern der Pionierphase“. Dazu dieser phantastische Platz an der Telegrafenkaserne mit der einzigartigen Kulisse. Der KFV war damals ein innovativer und mutiger Fußballverein, was angesichts der vielfältigen Widerstände gegen den Fußball höchst bemerkenswert war. Als Mitglied des Historikerteams von Holstein Kiel denke ich natürlich auch an die beiden Endspiele um die Deutsche Meisterschaft 1910 und 1912, zwei echte Klassiker der deutschen Fußballgeschichte.
Dann ist der KFV einer der wenigen Vereine in Deutschland, der von seiner Gründung an stets denselben Namen getragen hat, und auch das Wappen hat sich ja kaum verändert. Das ist eine erstaunliche Kontinuität.  Ich habe mich sehr über die erfolgreiche Wiederbelebung des Klubs nach dem Aus 2004 gefreut und finde es vorbildlich, wie der Verein heute offensiv mit seiner reichen Fußballvergangenheit umgeht und gleichzeitig in der Gegenwart steht.

 

Das erste Meisterschaftsjahr 1903. Die KFV-Spieler hatten sich kurz vor der Abfahrt nach Leipzig zum Meisterschaftshalbfinale gegen Prag in der Junggesellenbude ihres Kapitäns Hans Ruzek versammelt, um gemeinsam das Ticket für die Holzklasse der Eisenbahn zu lösen, da flatterte ein Telegramm ins Haus: "Meisterschaftsspiel verlegt. DFB". Die Akteure zweifelten nicht an der Echtheit der Depesche - schon zweimal war das Spiel wegen organisatorischer Probleme verlegt worden. Erst am nächsten Morgen flog der Schwindel auf. Der DFB erklärte den DFC zum Sieger. Denn "das Telegramm hätte Bedenken auslösen und zu einer fernmündlichen Rückfrage anregen müssen."

Bekannt wurde diese Anekdote als die „Telegrammaffäre“, die den KFV um seine vielleicht erste Meisterschaft brachte. Wievielte „Welten“ liegen zwischen dem Chaos von 1903 und dem professionellen Fußball 2013?

So viele Welten gibt es gar nicht – das sind eher mehrere Sonnensysteme. Allerdings sprechen wir auch über zwei Extreme. 1903 war die Organisation wirklich eine Katastrophe, befand sich der DFB ja noch im Aufbau. Heute ist alles bis ins kleinste geregelt, doch ob das so schön ist, sei dahingestellt. Für mich hat der Fußball seine Leichtigkeit längst verloren, ist vor allem der Spitzenfußball Gesetzen unterworfen, die ihn grundlegend verändert haben. In meinen Augen nicht zum Vorteil. So etwas wie die Telegrammaffäre von 1903 ist heute völlig unvorstellbar, nicht zuletzt, weil so viele verschiedene wirtschaftliche Einflüsse zu spüren und zu vertreten sind.

In Ihrem Buch „Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs - Vom Kronprinzen bis zur Bundesliga“ schreiben Sie noch vom „Landesligisten“ KFV. Einige Zeit später war der KFV nicht nur kein Landesligist mehr, sondern musste aufgrund der Insolvenz gar längere Zeit pausieren um danach ohne eigenen Platz, mit einer Hand voll Vereinsmitglieder in der letzten Liga zu beginnen. Inzwischen hat KFV in der Zukunft erreichen?

Das kann ich aus der Ferne schwer beurteilen. Ich find es sehr begrüßenswert, dass der Klub seine Krise überwunden hat und wieder im Spielbetrieb ist. Der Klub hat zwar die große Tradition, die man selbstbewusst tragen kann und sollte, doch die alltägliche Arbeit findet in der Gegenwart statt und da hilft einen der Ruhm von einst nicht allzu viel. Immerhin dürfte der Mythos KFV aber ein Reiz sein, für diesen Verein zu spielen. Soweit ich es beurteilen kann, ist der Klub auf einem ausgezeichneten Weg.

VfB Leipzig, Alemannia Aachen, Rot-Weiß Essen, SSV Reutlingen, SSV Ulm, SpVgg Weiden, Eintracht Bamberg, Bonner SC, FCR Duisburg, SW Essen, KFC Uerdingen, VfR Neumünster, SV Babelsberg 03, BFC Dynamo, Eisenhüttenstädter FC Stahl, FC Remscheid, FC Gütersloh, TeBe und Blau-Weiss 90 Berlin, Lüneburger SK, Dresdner SC, SV Dessau 05…

Größere und kleinere Traditionsvereine die schon (mindestens eine) Insolvenz hinter sich haben. Was machen so viele Vereine falsch? Oder sind es einfach „natürliche“ strukturelle Umbrüche?
Einen Verein haben Sie vergessen: Göttingen 05, mein eigener Klub, der 2003 wegen Insolvenz aufgelöst wurde. Ich weiß also Bescheid. Außerdem führe ich seit einigen Jahren einen „Insolvenzticker“ im Rahmen meines Blogs http://fussballglobus.blogspot.de/, in dem ich über wirtschaftliche Probleme der Klubs zwischen der 3. Und der 6. Liga berichtet. Und jede Saison habe ich mehr zu tun, melden mehr Vereine existenzielle Probleme.
Die Gründe? Vielfältig. Als ich 05-Fan wurde, spielte der Klub noch in der 2. Bundesliga-Nord. 2004 war ich dann beim Neustart in der 8. Liga dabei. Heute spielen wir wieder 5. Liga, kämpfen aber jedes Jahr ums Überleben. Einen Etat von 120.000 Euro zu stemmen ist in einer von Bildung geprägten Stadt wie Göttingen enorm schwer. Fußball ist da einfach zu teuer geworden, und die Sponsorenlandschaft hat sich ja gewaltig verschoben. Die großen Geldgeber gehen nur noch zu den führenden Bundesligisten. Der Mittelstand hat genug zu kämpfen, und die öffentliche Hand ist ja häufig selber pleite. Das merkt man häufig an der Stadionfrage – Remscheid-Lennep wird grad abgerissen, und der FC Remscheid hat kein Zuhause mehr.
Es werden aber auch bei den Vereinen zu viele Fehler gemacht. Unbedingt aufsteigen zu wollen und dafür finanziell große Risiken einzugehen ist halt immer noch eine übliche Vorgehensweise. Und häufig ist das ja auch verbunden mit Einzelsponsoren. Wir würden in Göttingen auch gerne wieder Regionalliga spielen. Dazu braucht es aber 300.-400.000 Euro, und die könnten nur von einem Außenstehenden kommen. In Goslar,  nicht weit entfernt von Göttingen, gibt es einen Verein, der jahrzehntelang auf Bezirksebene spielte und seit einigen Jahren Viertligist ist. Ein einziger Geldgeber macht es möglich. Doch wenn der geht, spielte Goslar wieder auf Bezirksebene – wenn der Klub Glück hat und das Abenteuer überhaupt überlebt. Da ist viel von dem verloren gegangen, was einen Fußballverein mal in seiner ganzen Breite und Tiefe ausgemacht hat.  

Was sind Ihre persönliche Eindrücke und Erlebnisse die Sie im Rahmen von Recherchen zum Karlsruher FV gemacht haben?
Als ich vor Jahrzehnten das erste Mal bei dem Klub war, existierte der schöne Platz an der Telegrafenkaserne noch. Alles war zwar etwas überwuchert, aber die Historie war überall greifbar. Das ist so ein unglaublich historisch besetzter Ort gewesen. Ich war damals dabei, die „Urplätze“ der Fußballfrühgeschichte aufzusuchen, und nirgendwo war die Geschichte derart präsent und greifbar wie beim KFV. Zudem war ich seinerzeit mit Ludwig Hyll im Kontakt, und das mich dem KFV noch näher gebracht.

In jüngster Zeit gibt es immer mehr Veröffentlichungen, Kinofilme („Der ganz große Traum“), Webshops, Archivwebseiten und Initiativen die die Frühgeschichte des (deutschen) Fußballs wieder in das öffentliche Bewusstsein rücken.

Ist das Ihrer Meinung nur ein Modetrend, eine Marktnische für Verlage und  Antiquare oder tatsächlich ein gestiegenes Interesse und ein „Wiederentdecken“ der frühen Fußballvergangenheit?

Es ist ja eine regelrechte Inflation. Als ich Anfang der 1990er Jahre begann, über Fußball und Fußballgeschichte zu publizieren gab es quasi kein Material. Und es gab einen enormen Nachholbedarf. Heute hat sich das aus meiner Sicht geteilt. Ich kenne viele sehr liebevolle Projekte, die sich mit regionalen Aspekten der Fußballgeschichte beschäftigen, was ich großartig finde. Man muss die Geschichte des Fußball kleinräumig erforschen, um sie großräumig erfassen zu können. Skeptischer sehe ich Filmprojekte, bei denen die Fußballgeschichte  nur als grober roter Faden nebenherläuft und eigentlich eine ganze andere Geschichte erzählt wird, die nicht selten kommerziellen Hintergrund hat. Aber das zeigt auch nur, wie sehr der Fußball und seine Geschichte in der Gesellschaft angekommen sind. Aus Verlagssicht muss ich sagen, das Fußballgeschichte tatsächlich häufig eher „Nische“ ist, die aber gerne besetzt wird, weil ihre Wichtigkeit gesehen wird. Das große Geld lässt sich mit Fußballgeschichte aber nicht machen.

Fritz Förderer, Gottfried Fuchs und Julius Hirsch, Ernst Hollstein, Max Breunig, Bekir Refet, William Townley, Walther Bensemann, Ivo Schricker . die Liste der KFV-Persönlichkeiten ist sehr lange. Welche davon hat Sie am meisten beeindruckt?
Das ist sicher zunächst das Schicksal von Julius Hirsch, das ja heute erfreulicherweise gut dokumentiert ist und selbst vom DFB gewürdigt wird. Als ich seine Geschichte vor vielen Jahren das erste Mal hörte, war ich fassungslos, wie der deutsche Fußball während des Dritten Reiches aber vor allem auch danach mit einem derart verdienten Spieler umgegangen ist.
Fasziniert war ich immer von William Townley, der für mich eine der entscheidenden Personen ist, dass sich Deutschlands Fußball seinerzeit wirklich entwickeln konnte. Ivo Schricker mit seinen Einflüssen bei der FIFA, Max Breunig als Trainer bei München 1860 und Bauherr der goldenen Löwen-Elf von 1931 haben ebenfalls großen Eindruck bei mir hinterlassen.   

Welchen Tipp und Rat für Sie den KFV-Verantwortlichen und Spielern mit auf den Weg geben?

Achtet die Geschichte Eures Klubs, aber lebt und arbeitet in der Gegenwart.