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Thomas Staisch im KFV-Interview

 

Thomas Staisch. Der Karlsruher Journalist kennt sich bestens aus in der Karlsruher Fußballgeschichte. Zurzeit schreibt er über den FC Phönix Karlsruhe, einer der beiden Fusionsvereine des KSC, der 1909 deutscher Meister wurde.

Staisch studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Online-Journalismus in Heidelberg, Darmstadt und Wien. Seit 1997 ist er als Redakteur und Auslandskorrespondent für regionale und überregionale Tageszeitungen und Magazine wie „Focus“ und „Münchner Abendzeitung“ in Deutschland, Österreich und den USA tätig. Aktuell ist er Korrespondent und Stellvertretender Chefredakteur der Wiener Tageszeitung „Heute“. Neben journalistischen Beiträgen in deutschen Tageszeitungen und Magazinen und Mitautorschaft an dem Kriminalroman „Schweinesonne“ (2006) veröffentlichte er im August 2010 die Romanbiografie „Heinrich Pommerenke, Frauenmörder. Ein verschüttetes Leben“, das erste Buch über den berüchtigten deutschen Serienmörder Heinrich Pommerenke.

2005 schrieb er im 11Freunde Magazin einen mehrseitigen Artikel über den Karlsruher Fußballverein. Gegenwärtig arbeitet er an einem Buchprojekt über den FC Phönix Karlsruhe.

http://www.karlsruher-fv1891.de/ElfFreunde_KFV.pdf

1952 fusionierte der VfB Mühlburg und der FC Phönix Karlsruhe, deutscher Meister von 1909, zum Karlsruher Sport-Club Mühlburg-Phönix e. V., heute besser bekannt als „KSC“. 

Herr Staisch, Sie arbeiten zurzeit an einem Projekt über den FC Phönix Karlsruhe, einem der Fusionsvereine des heutigen KSC. Wie sind Sie auf die Idee gekommen und wie steht es um das Geschichtsbewusstsein des heutigen KSC?

Als Journalist, Fußball-Fan und nicht zuletzt als Karlsruher war ich enttäuscht, dass es über die Deutsche Meisterschaft von 1909 – immerhin der größte Erfolg des KSC – kaum oder widersprüchliche Informationen und gerade mal zwei, drei historische Aufnahmen gab. Über die Spieler war so gut wie nichts bekannt. Das wollte ich ändern. Vorläufiges Ergebnis: Ich habe hunderte unbekannte Fotos der „Phönixler“, der Mannschaft und sogar aus dem Endspiel selbst gefunden, natürlich ebenso viele Spielberichte, habe noch lebende Angehörige der Helden von 1909 interviewt und auch Original-Dokumente wie Mitgliedsausweise oder Eintrittskarten entdeckt. Das ist spannend, da der KSC bekanntlich kein eigenes Archiv besitzt – und somit jeder Fund eine kleine Sensation bedeutet. Natürlich habe ich dabei auch KFV-Schätze entdeckt: So hat Phönix-Verteidiger Robert Neumaier ein Tagebuch hinterlassen, das einige (lilafarbene!) Original-Eintrittskarten enthält – von seinen Besuchen beim „Nebenbuhler“ an der Telegrafenkaserne.

Dem KSC geht es wie vielen anderen Clubs, bei denen ich recherchiert habe: Die momentane Lage und vor allem aktuelle Probleme lassen kaum Platz für eine Aufarbeitung der Vereinschronik. Dass mein Projekt aber wichtig für die Blauweißen, die Fans und die Stadt sein kann, zeigt ein kleines Beispiel: Seit Jahren haben hiesige Medien das Thema „Phönix“ zumeist mit einem großformatigen Schwarzweiß-Foto der stolzen Helden illustriert – peinlich nur, dass es sich dabei ausgerechnet um die Mannschaft der Stuttgarter Kickers von 1908/09 handelt.

Was hat der KSC, gegründet 1952, noch mit seinen beiden Fusionsvereinen, vor allem dem FC Phönix, gemeinsam?

Die Gemeinsamkeiten halten sich natürlich in Grenzen – wenn ich mein Forschungsobjekt (Phönix zwischen 1893-ca.1918) mit dem aktuellen Verein vergleichen soll. Ganz banal: Phönix spielte zur Meisterschaft in Schwarzblau gestreift (anfangs gar in Karomustern, später mit dem „Phönix“ auf der Brust), ohne echten Trainer, ohne Ersatzbank, ohne Sponsoren, jahrelang ohne eigenen Platz, dafür mit 11 Fußball-Heroen, die ihr letztes Geld, ihre ganze Freizeit und ihre ganze Kraft in den Club investiert haben. Eine derartige Opferbereitschaft und Leidenschaft wäre heute nicht mehr vorstellbar – ein Bruchteil davon würde aber jeder KSC-Mannschaft gut tun. Bekannt ist ja: Mühlburg brachte seine starke Mannschaft, Phönix den Platz im Wildpark in die Fusion ein. Aber um das nicht zu vergessen: Phönix war zu seiner Glanzzeit eine der besten Mannschaften des Kontinents, stellte Nationalspieler und dominierte mit den Spielern des KFV zusammen jahrelang sowohl den Kronprinzenpokal („Vorläufer“ des DFB-Pokals) als auch die Ländermannschaft – das ist mit der Situation 2012/13 einfach nicht zu vergleichen.

Was waren die größten Unterschiede zwischen den beiden großen Fußballklubs, FC Phönix und KFV, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Was Erfolge, Berufungen in die Nationalmannschaft, internationale Beziehungen und Zuschauerzahlen angeht hatte der KFV die Nase vorn?

Eins vorweg: Es ist ein Jammer für ganz Fußball-Deutschland, dass es diese Duelle nicht mehr gibt! Und noch ein zweites: Bei meiner Recherche bin ich auf so viele unglaubliche, ja filmreife Gipfeltreffen zwischen den Schwarzroten und den Schwarzblauen gestoßen, dass ich vorhabe, dem „Badischen Superclasico“ ein Extra-Projekt zu widmen. Die Ausgangslage war bekannt: Der KFV (früher nur respektvoll „der Verein“ genannt) war die Übermannschaft, der FC Barcelona dieser Jahre, dem aber durch viel Pech und Unvermögen die Krönung versagt geblieben war. Still und heimlich war dann ausgerechnet in der gleichen Stadt ein Rivale (tatsächlich wie „Phönix“ aus der Asche!) empor gestiegen, der auch prompt Deutscher Meister wurde – ein besondere Demütigung für den KFV. Obwohl das viele KFVler vielleicht nicht wahrhaben wollen, war das Derby, das eine ganze Stadt spaltete, oftmals ein Duell auf Augenhöhe, das selten einen klaren Sieger kannte. In der ewigen Bilanz ist natürlich der KFV deutlich überlegen, aber der Phönix blieb z.B. von Oktober 1907 bis März 1910 vom KFV unbesiegt. Sportlich ist interessant, dass beide Spielsysteme ihre Anhänger hatten: Der KFV mit seiner sehr schlagkräftigen, effizienten Stürmerreihe („in ihren bauschigen weißen Blusen wie Schwäne auf den Fluten treibend“), der Phönix mit seinem technisch brillanten Flügelspiel über die schnellen „Nationalflügel“ Wegele und Oberle.

Wie war das Verhältnis der beiden Vereine KFC - KFV?

Die vielen heißen Kämpfe (man sagte: „scharfe Spiele“) lassen vermuten, dass sich auch die Spieler von KFV und Phönix gehasst haben müssen, was natürlich nicht der Fall war. Man kannte sich aus zig gemeinsamen Spielen – außer der Nationalmannschaft gab es ja auch Pokalspiele, Städtespiele, Privat- und Propaganda(=Werbe)Spiele – und respektierte einander. „Seine Gegner, insbesondere den KFV, nahm er nie persönlich, sondern rein sportlich, sachlich“, wird über Phönix-Kapitän und Legende Arthur Beier berichtet – der übrigens (das zum Thema Rivalität) bis 1898 sogar einige Male vom KFV „ausgeliehen“ wurde! Beier gründete kurioserweise auch den „KFV“ – allerdings den Kieler FV. Und später waren z.B. der bekannte „Phönix-Internationale“ Karl Wegele und der geniale KFV-Mann Fritz Förderer nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch in anderen Auswahlspielen ein Dreamteam. Zudem glaube ich, dass es nicht nur an den guten Manieren der damaligen Zeit lag, dass sowohl 1909 als auch 1910 der jeweils unterlegene Stadtkontrahent als erster und mit Lorbeerkranz zur Meisterschaft gratulierte. Richtig ist aber auch, dass sich beide Vereine bei den berühmt-berüchtigten Stadtduellen – die Fußballfans in ganz Deutschland und halb Europa in den Bann zog – mit allen legalen und einigen illegalen Mitteln bekämpft haben.

Im Februar 2005 schrieben Sie im 11Freunde-Magazin einen mehrseitigen Artikel über den KFV mit der Überschrift „Sturz der Kaiserlichen“. Ein Jahr später wurde das KFV-Vereinsheim abgerissen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung von 2005 bis heute? Was hat sich verbessert was muss der KFV in der Zukunft noch liefern?

Wenn man die Lage im Jahr 2005 betrachtet, ist es ein kleines Wunder, dass es den KFV nicht nur wieder gibt, sondern, dass er wächst und gedeiht. Dazu war sicher viel Engagement, Geduld und Hingabe nötig – Respekt! Das Interessante am KFV ist: Er muss keine Tradition erfinden wie z.B. Hoffenheim, sondern sich vielleicht nur selbst neu erfinden, was ein Stück weit schon getan wurde. Was noch fehlt, ist ganz einfach: Ein eigene Spielstätte, am besten natürlich der alte, legendäre Platz an der Telegrafenkaserne! Er hat immer noch einen sagenhaften Ruf: Als ich kürzlich mit dem (fußballbegeisterten) Chefredakteur einer polnischen Zeitung auf das Thema KFV kam und ihm sagte, dass das Gelände an sich immer noch existiert, plante er für seine nächste Deutschland-Visite sofort einen Besuch der Anlage ein!

Welche Anekdote und welche Persönlichkeit des KFV ist Ihnen bei der Beschäftigung mit dem Verein im Rahmen Ihrer Recherchen, besonders in Erinnerung geblieben?

Im Zuge meines Projekts gab es natürlich viele schöne Geschichten rund um den KFV zu entdecken – also dürfen auch KFV-Fans auf das Buch gespannt sein! Unabhängig davon, dass ich sehr gerne einmal ein Spiel der alten Heroen wie Hirsch, Fuchs oder Förderer live gesehen hätte und sie alle beeindruckende Kicker waren, hängt mein Fußballer-Herz an Max Breunig. Er wurde geliebt und gehasst, hat nicht nur durch seine Körpermaße („Beine wie Baumstämme“) alle überragt. Aber dass der „starke Max“ – um nur einige Kuriositäten zu nennen – den Ball auch bei wichtigen Spielen rückwärts mit der Hacke dribbelte und „Indianertänze“ um seine Gegner ausführte, Phönix 1910 aus knapp 70 Metern (!) eine „Freistoß-Bombe“ ins Netz setzte (was deutscher Rekord bedeutet hätte, wenn der Treffer gezählt hätte), für die „Illustrierte Sportzeitung“ schon mal auf einer ganzen Seite als griechischer Modellathlet im knappen Höschen posierte, beim Olympia-Match 1912 gegen Ungarn nicht eingesetzt werden konnte, weil er sich beim Diskus-Training verletzt hatte, aber gleichzeitig Seele und Herz des KFV und auch der Nationalmannschaft war – das alles macht ihn zu einer vielschichtigen, faszinierenden Sportler-Persönlichkeit.

Sie sind in Karlsruhe aufgewachsen – wie haben Sie den KFV in dieser Zeit wahrgenommen?

Aus zweierlei, völlig unterschiedlichen Blickweisen: Zum einen hat mir mein Opa immer wieder von der guten alte Zeit – die Geschichte des gefälschten Telegramms kannte ich bald auswendig – und den großen Triumphen des „KV“ erzählt (obwohl er eigentlich ein Mühlburg-Anhänger war), zum anderen stand ich als jugendlicher Fußballer öfters auf dem Platz, wenn es gegen den damals noch übermächtigen KFV ging – meistens hat es mit einer deftigen Schlappe geendet!

Aufruf von Herrn Staisch:

Noch immer suche ich Fotos und Spielberichte zu Phönix Karlsruhe – vor allem aus den Jahren 1893-1918. Aber noch wichtiger wären Kontakte zu den Angehörigen der Spieler Arthur Beier, Karl Wegele, Emil Oberle, Ernst Karth, Karl Schweinshaut, Hermann Leibold, Willhelm Noe – und den „Phönix-Machern“ Adolf Haberstroh und Gustav Kipphan. Und wer eine „Süddeutsche Sportzeitung“ von 1909 oder 1910 zuhause im Keller liegen hat, soll sich bitte sofort melden!

t.staisch@heute.at